Probefahrt: Mercedes 280 SL Pagode

Es ist schon ein paar Jahre her, ich sitze mit Kollegin Antje auf dem Rückflug von einer Dienstreise im Flieger, als wir in unserem angeregten Gespräch auf meine Leidenschaft für Oldtimer zu sprechen kommen. Nach ein paar Minuten greift sie in ihre Handtasche und reicht mir wortlos, aber mit einem süffisanten Grinsen im Gesicht, einen Fahrzeugschein rüber. Was ich dort lese kann ich kaum glauben, Mercedes W113 steht da auf dem leicht ölverschmierten Papier.
 
Antje, die sonst einen kleinen Peugeot fährt, besitzt also als Zweitwagen einen Mercedes 280 SL Pagode – ich bin nicht schlecht beeindruckt. Die Gespräche der restlichen Flugzeit drehen sich natürlich nur um den Mercedes, einen 1970er, der ein paar Jahre zuvor aus den USA zurück nach Deutschland geholt worden war.

Pagode aus den USA

Einige Tage später darf ich dann endlich auch Bekanntschaft mit dem weißen Roadster machen. Ein US Reimport ohne Seitenmarkierungsleuchten? Auch sonst sieht der Mercedes 280 SL Pagode eher wie ein deutsches Fahrzeug als wie ein Ami aus. Das Rätsel ist schnell aufgeklärt. Dieser 280 SL gehört nicht zu den knapp 20.000 W113, die als US Modell gefertigt wurden, sondern gehört zu den restlichen 28.000 Pagoden, die für Europa bestimmt waren. Der Mercedes 280 SL wurde nach der Erstzulassung noch ein paar Jahre in Deutschland gefahren, aber dann doch nach Amerika verschifft.

Karosserie-Check des Mercedes 280 Pagode

Gut steht dem Cabrio der weiße Lack, zwar nicht original, aber vom Zustand her ganz o.k. Halt von der Qualität her eher eine typische US Restaurierungs-Lackierung. Aber die üblichen Schwachstellen machen auf den ersten Blick einen ordentlichen Eindruck. Kein Rost an den forderen Kotflügeln rund um die Scheinwerfer, ebenso keine Bläschen im Lack am Übergang von Kotflügel zu den Türschwellern. Auch die Magnetfolie haftet überall und lässt keinen Schluss auf übermäßigen Spachtelauftrag zu.

Die Karosserie des W 113 ist konstuktiv aufwändiger, als es dem Design nach den Anschein hat. Der komplizierte Aufbau sorgt für Stabilität und Verwindungssteifigkeit, aber leider haben die Ingenieure an eins nicht gedacht – ihre geniale Konstruktion vernünftig gegen Korrosion zu schützen. Gefährdet sind besonders die Schweller, Radläufe wie auch der Motorträger. So birgt der Kauf eines Mercedes SL W113 aus unzuverlässiger Quelle (ebenso wie beim Nachfolgemodell R107) ein erhebliches Risiko sich ein Restaurationsobjekt mit kaum kalkulierbaren Restaurierungskosten einzuhandeln. Die verschweißten vorderen Kotflügel tragen ihren Anteil dazu bei. An Original-Ersatzteilen gibt es zwar keinen Mangel, aber sie haben ihren Preis. Preiswerter sind nachgefertigte Teile für den SL. Tipps zu empfehlenswerten Quellen können die Pagode Clubs geben.

Technikcheck am 280 SL

Ich lifte die Haube und da liegt er nun vor mir. Ein Meisterwerk des Motorenbaus aus den 1970er Jahren. Als Hochleistungsmotoren propagiert sind die 230er und 250er aber nicht vollgasfest. Auch der 280er sollte nicht als “Heizgerät” missbraucht werden. Eines haben aber alle drei 6 Zylinder Motoren gemeinsam – sie wollen behutsam warm gefahren werden und haben einen gehörigen Öldurst. Bis zu 2 Liter auf 1.000 Kilometern sind tolerierbar. Thermisch sind die W113H Motoren desMercedes 280 SL bauartbedingt hoch beansprucht. Deshalb hat der fürsorgliche Pagoden-Fahrer immer ein Auge auf den Ölstand und auf ein optimal arbeitendes Kühlsystem zu werfen. Die Einspritzpumpe ist bei unsauberem Motorlauf häufig ein Grund für Verdruss, da eine Überholung richtig ins Geld gehen kann. Aber ansonsten ist die Technik der Mercedes 280 SL Pagode solide. Großserienkomponenten aus der S-Klasse kommen in dem kleinen Roadster zum Einsatz. So sind die Motoren, ordentliche Pflege und ein verhaltener Fahrstil vorausgesetzt, ohne weiteres für mindestens 200.000 km gut.

Probefahrt mit dem Mercedes W113

Auch wenn die 280er Pagode mit 170 PS ordentlich motorisiert ist, fühlt man sich, wenn man erstmal hinter dem recht groß geratenen Volant Platz genommen hat, nicht wie in einem reinrassigen Sportwagen. Die Sitze des Mercedes SL sind eher auf Komfort getrimmt, als auf Sportlichkeit und Seitenhalt für zügig gefahrenen Kurven. Bei Bequemlichkeit wie in einem Wohnzimmersessel und mit dem angenehmen Geruch von gepflegtem alten Leder in der Nase, verzichte ich bei meiner Probefahrt auch auf Drehzahlorgien, lege den Ellenbogen auf die Türoberkante der Fahrertür und genieße das Cruisen auf der landschaftlich schönen Strecke durch das Ruhrtal an einem warmen Sommerabend. Der sonore Klang des Sechszylinders und der tiefe Sound der Auspuffanlage lassen rundum ein Wohlgefühl in mir aufsteigen. Vorbei führt mich meine Tour am Schloss Hugenpoet, ich genieße das stilvolle Dahingleiten in diesem großartigen Klassiker. Von Kilometer zu Kilometer treibt es mir langsam aber beständig immer mehr das Grinsen ins Gesicht und ich wünsche mir, dass diese Probefahrt nie zu Ende geht.

Fazit:

Ein tolles Auto, das man vor 20 Jahren hätte kaufen sollen, als es noch einigermaßen erschwinglich war. Aktuell muss man für einen guten Mercedes 280 SL Pagode zwischen 45 und 60.000 Euro investieren. Weitere Preissteigerungen, wenn auch verhalten, sind für diese Design Ikone namens Pagode noch zu erwarten.
 

Text: Reinhard Dutschke, Foto: ruylclassics

 

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